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ANTIFEMINISMUS IM SCHULALLTAG: WARUM FORTBILUNG MIT PROBLEMBEWUSSTSEIN BEGINNEN MUSS


A blurred group takes part in a meeting or training session in front of a yellow wall. A black notebook and pen lie on a table in the foreground.

Abwertende Narrative erreichen Schulen heute oft leise – über soziale Medien, in Memes, in beiläufigen Bemerkungen im Klassenchat. Pädagogische Fachkräfte müssen darauf reagieren, auch wenn die Botschaften kaum als politisch erkennbar sind. Das Erasmus+ Projekt „Antifeminismus und toxische Maskulinität in Schulen: Geschlechterbezogene Herausforderungen im Bildungsbereich meistern“ (AFETS) zeigte: Der Informationsbedarf ist groß. Wissen allein schafft jedoch noch keine Handlungssicherheit. Dieser Blogpost streicht hervor, warum wirksame Fortbildung zuerst bei der Anerkennung des Problems ansetzen muss – und bei der Reflexion professioneller Deutungsmuster.


Hohe Nachfrage, begrenzte Reichweite

Die Resonanz auf die AFETS-Online-Workshops im Mai und Juni 2026 zu den Themen salafistische Influencer*innen und Incels war beachtlich: Rund 210 pädagogische Fachkräfte nahmen teil oder meldeten sich an – mehr als doppelt so viele wie ursprünglich kalkuliert. Das spricht für ein reales Interesse und einen echten Fortbildungsbedarf unter den bereits erreichten Fachkräften. Methodisch vorsichtig eingeordnet werden muss die Zahl trotzdem: Sie belegt keine allgemeine Fortbildungslücke in der gesamten Bildungslandschaft.


Denn freiwillige Angebote wie dieses erreichen vor allem Menschen, die das Thema längst als relevant anerkennen und eine gewisse Sensibilisierung mitbringen. Die eigentliche Herausforderung liegt tiefer: Wie lassen sich Lehrkräfte und Kollegien erreichen, die Antifeminismus bislang gar nicht als solchen wahrnehmen, Vorfälle bagatellisieren oder die Auseinandersetzung damit nicht als Teil ihres schulischen Bildungsauftrags verstehen? Präventionsarbeit wirkt in der Breite erst, wenn dieses Problembewusstsein geweckt ist.


Wer über die bereits sensibilisierte Gruppe hinaus handlungsfähig werden will, braucht zunächst eine präzise begriffliche Grundlage – eine, die den Kern des Problems von bloßen Meinungsverschiedenheiten trennt.


Differenzierung als pädagogische Notwendigkeit

Ein professioneller Orientierungsrahmen braucht begriffliche Schärfe. Sexismus umfasst Einstellungen, Praktiken und Strukturen, die Menschen aufgrund ihres Geschlechts stereotypisieren, hierarchisieren oder benachteiligen (Schmincke, 2018). Davon lässt sich Antifeminismus abgrenzen: Er richtet sich gezielt gegen feministische Anliegen, Gleichstellungspolitik oder Veränderungen bestehender Geschlechterverhältnisse und zeigt sich in individuellen Einstellungen, in bestimmten Narrativen, in Mobilisierungen bis hin zu organisierten Gegenbewegungen (Hartmann et al., 2024).


Für die pädagogische Praxis zählt vor allem die Abgrenzung zu traditionellen oder konservativen Geschlechtervorstellungen. Nicht jede wertkonservative Position ist automatisch antifeministisch. Problematisch wird eine Haltung erst, wenn sie Gleichstellung aktiv delegitimiert, gesellschaftliche Ungleichheit als „natürlich“ darstellt oder bestimmte Gruppen – etwa queere Menschen – abwertet (AFETS-Handbuch, 2026). Diese Differenzierung entscheidet darüber, ob abwertende Dynamiken im Schulalltag als bloße „Meinung“ missverstanden werden, denn begriffliche Unsicherheit begünstigt genau das. Fehlt ein klares Analysewerkzeug, wird das Problem möglicherweise unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit ignoriert, und notwendige Interventionen bleiben aus.


Diese Trennschärfe legt den Grund, um jene Faktoren zu untersuchen, die eine frühzeitige Wahrnehmung des Problems im Schulalltag oft verhindern.


Warum Antifeminismus im Schulalltag nicht immer erkannt wird

Dass Antifeminismus im schulischen Kontext oft übersehen wird, liegt nicht allein an fehlendem Wissen. Gesellschaftliche, institutionelle und individuelle Faktoren wirken zusammen und führen dazu, dass Aussagen bagatellisiert, externalisiert oder nicht eindeutig eingeordnet werden.


Ein wesentlicher Faktor ist die Bagatellisierung durch Humor, Ironie oder bewusste Provokation. Wird eine abwertende Äußerung als „Witz“ gerahmt, lässt sich kaum noch klar pädagogisch Grenzen setzen und die Grenzen des Sagbaren verschieben sich schleichend. Eine gesellschaftliche Normalisierung begünstigt diesen Effekt: Sexistische Verhaltensweisen gelten oft als unproblematischer Teil des Alltags oder der Jugendkultur und werden seltener kritisch hinterfragt (Beck et al., 2021).


Häufig kommt eine Externalisierung hinzu. Sexismus wird dann als Problem „anderer“ Gruppen behandelt, etwa durch die Projektion auf bestimmte Migrationsgeschichten, wodurch die Problematik im eigenen Umfeld aus dem Blick gerät. Diese Dynamik geht oft mit professioneller Unsicherheit einher: Fehlt die Sicherheit, einen Vorfall präzise einzuordnen, bleibt die Intervention aus der Ungewissheit heraus, ob eine Äußerung bereits „schlimm genug“ für ein Einschreiten ist.


Warum eingreifen mitunter schwerfällt

Auch Missverständnisse über politische Neutralität führen häufig zu pädagogischem Schweigen. Wer sich klar gegen Abwertung positioniert, fürchtet oft, als politisch einseitig zu gelten, und verzichtet deshalb auf die notwendige Benennung von Diskriminierung. Dabei ist der staatliche Bildungsauftrag im Sinne der Menschenrechte gegenüber menschenverachtenden Einstellungen in Deutschland beispielsweise nicht wertneutral (Cremer, 2019). Ähnliches gilt für Österreich: Hier bieten die Leitlinien des Bildungsministeriums zu Gewaltprävention und geschlechterreflektierten Pädagogik einen klaren professionellen Handlungsrahmen (Bissuti & Wölfl, 2011).


Eine Praxiseinschätzung aus dem AFETS-Projekt deutet darauf hin, dass manche Lehrkräfte Antifeminismus nicht unmittelbar als relevantes schulisches Problem wahrnehmen. Sensibilisierung fällt dieser Erfahrung nach schwerer, wenn eigene tradierte Geschlechtervorstellungen berührt werden. Fachliche Kritik an Rollenbildern wirkt dann schnell wie eine persönliche Bewertung der eigenen Überzeugungen.


Hinzu kommen institutionelle Defizite. Fehlen klare schulische Leitlinien und Unterstützungsstrukturen, wird es für Lehrkräfte schwerer, Vorfälle systematisch zu bearbeiten. Schwieriger wird die Einordnung zusätzlich, wenn antifeministische Inhalte nicht offen politisch auftreten, sondern in digitale Alltagsformate eingebettet sind.


Digitale Lebenswelten als zusätzliche Herausforderung

Die digitale Dimension verschärft diese Wahrnehmungshürden erheblich. Den Kontext dafür bildet die sogenannte Manosphere – ein loses Online-Netzwerk, dessen Grundkonsens ein antifeministisches Weltbild ist. Hier knüpfen abwertende Narrative gezielt an lebensweltliche Themen Jugendlicher an: Männlichkeitsstatus, Beziehungsgestaltung, Selbstoptimierung, etwa in Form des „Alpha-Status“.


Als offen politisches Programm treten diese Botschaften selten auf. Stattdessen verbreiten sie sich subtil über ästhetisierte Kurzvideos, Memes und bestimmte Codes auf TikTok oder Instagram. Solche Versatzstücke tauchen in der Sprache, in Klassenchats und in realen Konflikten von Schüler*innen wieder auf. Pädagogische Fachkräfte brauchen deshalb grundlegende Kenntnisse über algorithmisch kuratierte Feeds, digitale Bildsprachen und zentrale Erzählmuster (Lag Jungenarbeit, 2025; AFETS-Handbuch, 2026).


Sind Inhalte so schwer zu erkennen und einzuordnen, müssen Fortbildungen genau an diesen Wahrnehmungs- und Deutungsproblemen ansetzen.


Was Fortbildungen leisten müssen

Handlungssicherheit im Umgang mit Antifeminismus entsteht nicht durch das Auswendiglernen von Szenekatalogen, sondern durch fundierte Professionalisierung. Fortbildungen müssen deshalb zunächst Begriffe klären und ein gemeinsames Problembewusstsein schaffen.


Um der Bagatellisierung wirksam zu begegnen, braucht es eine realitätsnahe Fallanalyse. Anonymisierte Alltagsszenarien geben Lehrkräften die Möglichkeit, Mechanismen der Ausgrenzung in einem geschützten Rahmen zu erkennen. Ein Fortbildungsdesign, das professionelle Wahrnehmungs- und Deutungsmuster ohne Beschämung reflektiert, kann das leisten. Ziel ist ausdrücklich nicht, private Überzeugungen zu vereinheitlichen, sondern die eigene geschlechtliche Prägung als Teil der pädagogischen Professionalität kritisch zu prüfen (Wolf & Hell, 2021).


Weil digitales Wissen oft fehlt, brauchen Fachkräfte zudem Kenntnisse über Narrative, Codes und Plattformlogiken, um abwertende Tendenzen in der Lebenswelt der Schüler*innen einordnen zu können. Schulen benötigen dafür einen klaren Orientierungsrahmen: eine eindeutige Grenzsetzung, die pädagogische Intervention aber nicht auf Sanktionierung reduziert. Für Fälle schwerwiegender Diskriminierung oder Gewalt braucht es dennoch klar definierte Eskalationswege. (Weitere Informationen dazu: AFETS-Handbuch, 2026)


Prävention darf keine individuelle Last bleiben – sie ist institutionelle Verantwortung. Das setzt feste Zuständigkeiten voraus und eine enge Zusammenarbeit mit Schulleitung, Schulsozialarbeit und externen Fachstellen (Amadeu-Antonio-Stiftung, 2021).


Individuelle Kompetenz bleibt Stückwerk, wenn sie nicht in eine verbindliche institutionelle Gesamtverantwortung mündet.


Antifeminismus-Prävention als professionelle Aufgabe

Die hohe Nachfrage nach Fortbildungen zeigt das große Interesse der bereits erreichten Fachkräfte. Sie beantwortet aber noch nicht die Frage, wie weniger sensibilisierte Kollegien erreicht werden können. Wirksame Qualifizierung darf deshalb nicht bei Methoden stehenbleiben, sondern muss zunächst ein gemeinsames Problembewusstsein, begriffliche Sicherheit und einen professionellen Orientierungsrahmen schaffen.


Ziel ist keine Vereinheitlichung privater Überzeugungen, sondern die Vermittlung gemeinsamer Standards, um Abwertung, Diskriminierung und gegebenenfalls demokratiefeindliche Narrative zu erkennen und professionell zu bearbeiten. Schulen brauchen dafür institutionell verankerte Zuständigkeiten und verlässliche Unterstützungsstrukturen. Antifeminismus-Prävention ist eine Querschnittsaufgabe – und gehört als fester Bestandteil in eine demokratische Schulentwicklung.


Was Schulen jetzt schon tun können

Auf einen bildungspolitischen Rahmen zu warten, kostet Zeit, die im Schulalltag oft fehlt. Einiges lässt sich auch ohne diesen Rahmen sofort angehen:


  • Kriterien statt Bauchgefühl: Im Kollegium klären, wann eine Aussage wertkonservativ und wann sie antifeministisch ist – etwa anhand der Abgrenzung, ob Gleichstellung delegitimiert oder Ungleichheit als „natürlich" dargestellt wird.

  • Feste Ansprechperson: Eine niedrigschwellige, dauerhaft benannte Ansprechperson im Kollegium entlastet einzelne sensibilisierte Lehrkräfte, die sonst allein zuständig sind.

  • Fallbesprechung als Routine: Kollegiale Fallarbeit fest im Schulalltag verankern, statt Einzelentscheidungen im Klassenzimmer zu überlassen.

  • Vorhandenes nutzen: Materialien wie das AFETS-Handbuch oder die BMBWF-Leitlinien aktiv im Kollegium streuen, statt sie nur bei akutem Bedarf zu suchen.

  • Fortbildung aktiv einfordern: Bestehende Angebote gezielt im Kollegium nachfragen, statt auf ein zentrales Fortbildungsangebot der Schule zu warten.


Weitere Materialien des AFETS-Projekts: https://www.scenor.at/afets-resources


Kontakt bez. Seminaren zum Thema: hello@scenor.at



Picture of author Guillaume Monod

Stefan Meingast ist Mitgründer und Obmann von SCENOR. Er hat einen M.A. in Politikwissenschaft von der LMU München sowie ein Diplom in Internationalen Beziehungen von der Diplomatischen Akademie Wien. Er verantwortet die strategische Ausrichtung von SCENOR, koordiniert die Arbeit des Teams zu Extremismus, Terrorismus und Radikalisierung und steuert zentrale Abläufe in der Projektumsetzung und Ressourcensicherung. Zudem leitete er das Erasmus+ Projekt AFETS, in dessen Rahmen Fortbildungen und Materialien zum Umgang mit Antifeminismus und autoritärer Männlichkeit im schulischen Kontext entwickelt und umgesetzt wurden.




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