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WENN WISSEN ALLEIN NICHT REICHT: WAS FACHKRÄFTE IM UMGANG MIT ANTIFEMINISMUS BRAUCHEN


Patient at the psychiatrist

Antifeministische Narrative, autoritäre (toxische) Männlichkeitsvorstellungen, die Incel-Szene – für viele pädagogische Fachkräfte sind das längst keine abstrakten Themen mehr. Sie tauchen in Gesprächen mit Jugendlichen auf, in Klassenchats, in Memes, in Aussagen, bei denen im ersten Moment gar nicht klar ist, wie man sie eigentlich einordnen soll. Und genau da beginnt die eigentliche Schwierigkeit: Es reicht nicht, über diese Phänomene Bescheid zu wissen. Fachkräfte brauchen auch die Sicherheit, problematische Aussagen im Alltag zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.


Das war eine der zentralen Erfahrungen aus dem Erasmus+-Projekt AFETS, das SCENOR gemeinsam mit dem deutschen Partner IZRD e.V. umgesetzt hat. Zwischen März und Juni 2026 fanden zehn Präsenztrainings in Österreich und Deutschland sowie zwei vertiefende Webinare statt. Dabei ging es nicht nur um Wissensvermittlung. Die Veranstaltungen haben auch gezeigt, wo die Fragen, Unsicherheiten und der konkrete Unterstützungsbedarf der Fachkräfte liegen.


Der Bedarf war größer als gedacht

An den zehn Präsenztrainings nahmen knapp 200 Lehrkräfte, Schulsozialarbeitende, Schulpsycholog*innen und weitere Fachkräfte teil. Die Workshops verbanden fachlichen Input zu Antifeminismus, autoritärer Männlichkeit und digitalen Jugendkulturen mit Fallarbeit, Gruppenübungen und konkreten pädagogischen Handlungsansätzen.


Besonders deutlich wurde das Interesse bei den beiden Webinaren, die im Anschluss stattfanden. Sie griffen zwei Themen auf, die sich in den Trainings als besonders relevant herausgestellt hatten: Tradwife- und salafistische Influencerinnen sowie die Incel-Szene. Mit rund 210 Teilnehmenden lag die Nachfrage deutlich über den Erwartungen.


Diese Zahlen lassen sich nicht einfach auf den gesamten Bildungsbereich hochrechnen. Aber sie zeigen: Unter den erreichten Fachkräften besteht ein echtes Bedürfnis nach fachlicher Orientierung und konkreten Handlungsmöglichkeiten. Offen bleibt dabei eine andere Frage: Freiwillige Angebote erreichen vor allem jene, die das Thema ohnehin schon als relevant einschätzen. Wie kommt man aber an die Kollegien und Fachkräfte heran, bei denen dieses Problembewusstsein noch weniger ausgeprägt ist?


Orientierung ist genauso gefragt wie Wissen

Eine Erfahrung zog sich durch alle Trainings: Den Teilnehmenden ging es nicht nur um Informationen. Mindestens genauso wichtig war der Wunsch nach Orientierung und Austausch.


Die Ausgangslagen waren dabei sehr unterschiedlich. Manche hatten sich schon länger mit Antifeminismus oder der sog. Manosphere beschäftigt und brachten konkrete Situationen aus ihrem Berufsalltag mit. Andere hörten einzelne Begriffe, Szenen oder digitale Codes zum ersten Mal. Von einem einheitlichen Wissensstand konnte also keine Rede sein.


Auch die Fragen aus der Praxis machten deutlich, wo die eigentliche Schwierigkeit liegt: Welche Aussagen sind problematisch, welche bewegen sich noch innerhalb eines legitimen Meinungsspektrums? Wann sollte eine Fachkraft eingreifen? Wie klar kann sie Position beziehen, ohne die Beziehung zu Jugendlichen zu gefährden? Und welche Rolle spielen dabei die eigenen Wertvorstellungen im Verhältnis zur professionellen Verantwortung?


Eine Lehrerin berichtete außerdem, dass nicht alle Kolleg*innen Antifeminismus überhaupt als relevantes Problem wahrnehmen. Aus ihrer Erfahrung wird die Sensibilisierung besonders dann schwierig, wenn die Themen an eigene, tradierte Vorstellungen von Geschlecht oder gesellschaftlichen Rollen rühren. Das ist eine einzelne Beobachtung, kein repräsentativer Befund, aber sie zeigt ein grundsätzliches Problem für Fortbildungen: Wissensvermittlung setzt oft schon voraus, dass ein gemeinsames Verständnis davon besteht, warum ein Thema überhaupt pädagogisch relevant ist.


Warum konkrete Fälle besser funktionieren als abstrakte Antworten

Genau deshalb wurden Fallbeispiele zu einem zentralen Baustein der Präsenztrainings. Sie machten abstrakte Fragen greifbar und erlaubten es, verschiedene Reaktionen in einem geschützten Rahmen einfach mal durchzuspielen.


Statt allgemein über antifeministische Narrative zu sprechen, analysierten die Teilnehmenden konkrete Situationen: Wie ist eine bestimmte Aussage eines Jugendlichen zu verstehen? Welche Reaktion wäre angemessen? Wo zieht man eine Grenze und wann ist es sinnvoller, erst einmal nachzufragen und die Hintergründe einer Aussage zu verstehen?


Sehr hilfreich waren dabei auch Memes, Bilder, Kurzvideos und andere authentische Online-Inhalte. Sie zeigten, wie selten problematische Inhalte im digitalen Alltag wirklich eindeutig daherkommen. Antifeministische Narrative treten kaum als offen politische Botschaften auf. Sie knüpfen an Themen wie Beziehungen, Status, Selbstoptimierung oder Männlichkeitsbilder an und verbreiten sich über Codes oder humoristische Formate.


Die Fallarbeit half deshalb nicht nur dabei, Handlungsoptionen zu entwickeln. Sie schärfte auch den Blick dafür, worauf Fachkräfte überhaupt achten müssen.

 

Ein Format passt nicht für alle

Die Unterschiede zwischen den Gruppen haben auch gezeigt, wie wichtig flexible Formate sind. In Österreich wurde aufgrund der Rückmeldungen mehr Zeit für theoretische Grundlagen eingeplant. In Deutschland bestand oft ein stärkerer Wunsch nach Austausch und Diskussion.


Auch bei der Fallarbeit funktionierten unterschiedliche Zugänge. Manche Gruppen wollten zuerst selbst Lösungsansätze entwickeln und diese erst danach durch Impulse der Moderation ergänzen lassen. Andere wollten lieber zuerst konkrete Fragetechniken und pädagogische Ansätze kennenlernen, bevor sie diese auf Fälle anwendeten.


Die modulare Struktur der Trainings machte solche Anpassungen möglich. Gleichzeitig wurde klar: Eine Veranstaltung kann nur begrenzt sowohl Einsteiger*innen als auch sehr erfahrene Fachkräfte gleichermaßen bedienen. Für künftige Angebote wäre deshalb eine stärkere Trennung zwischen Grundlagen- und Vertiefungsformaten sinnvoll.


Was gute Fortbildungen leisten müssen

Aus all diesen Erfahrungen lässt sich vor allem eines mitnehmen: Gute Fortbildungen zu Antifeminismus brauchen mehr als fachlichen Input.


Begriffliche Klarheit bleibt wichtig. Fachkräfte müssen Phänomene wie Antifeminismus, autoritäre Männlichkeit oder die verschiedenen Strömungen der Manosphere einordnen können. Genauso wichtig sind Grundkenntnisse darüber, wie entsprechende Narrative auf digitalen Plattformen auftauchen und welche Codes oder Kommunikationsformen dabei eine Rolle spielen.


Aber Wissen allein schafft noch keine Handlungssicherheit. Dafür braucht es die Möglichkeit, dieses Wissen auf reale Situationen anzuwenden. Fallarbeit, Diskussion und kollegialer Austausch machen unterschiedliche Einschätzungen sichtbar und helfen dabei, konkrete Reaktionsmöglichkeiten zu entwickeln.


Auch die Evaluationen bestätigen das. Teilnehmende berichteten nach den Trainings von mehr Sicherheit im Umgang mit antifeministischen Positionen und einem spürbaren Wissenszuwachs, vor allem bei Symbolen, Codes und Online-Narrativen. Eine Rückmeldung brachte es auf den Punkt: „Starke Sensibilisierung und Bestärkung, mit Jugendlichen schwierige Themen anzusprechen.“


Eine weitere Herausforderung ist die Zeit. Vier Stunden sind knapp, wenn fachlicher Input, praktische Übungen und Austausch alle ihren Platz finden sollen. Entsprechend wünschten sich viele Teilnehmende längere oder mehrteilige Formate. Gleichzeitig müssen solche Angebote mit dem Schulalltag vereinbar bleiben.


Fortbildungen sollten deshalb nicht nur inhaltlich gut vorbereitet sein, sondern auch flexibel, praxisnah und anschlussfähig. Es geht dabei nicht darum, private Überzeugungen zu vereinheitlichen, sondern einen professionellen Rahmen zu schaffen, in dem Fachkräfte problematische Aussagen erkennen, Grenzen setzen und pädagogisch handlungsfähig bleiben können.


Der Bedarf endet nicht mit dem Training

Die Erfahrungen aus AFETS zeigen: Punktuelle Trainings können viel leisten. Sie vermitteln Wissen, schaffen Raum für Reflexion und geben Gelegenheit, konkrete Handlungsstrategien auszuprobieren. Gleichzeitig machen sie sichtbar, wo weiterer Unterstützungsbedarf besteht.


Gerade bei Themen, die sich im digitalen Raum ständig verändern, brauchen Fachkräfte auch nach einer Fortbildung aktuelle Materialien, erreichbare Ansprechstellen und Möglichkeiten zum fachlichen Austausch. Eine Rückmeldung aus dem Incel-Webinar hat diesen Wunsch klar formuliert: „Es bräuchte mehr solche Stellen für uns Lehrkräfte, die dauerhaft eingerichtet sind, um sie jederzeit kontaktieren zu können oder für Workshops […]!“


Dass bei den beteiligten Organisationen bereits weitere Anfragen für Fort- und Weiterbildungen vorliegen, passt zu diesem Bild. Nachhaltigkeit heißt deshalb nicht nur, Materialien bereitzustellen. Entscheidend ist, Strukturen zu schaffen, die Fachkräfte auch über einzelne Projekte und Veranstaltungen hinaus dabei unterstützen, Antifeminismus im Schulalltag zu erkennen, einzuordnen und professionell zu bearbeiten.




Picture of author Guillaume Monod

Saskia Schindler ist Mitarbeiterin beim IZRD e.V. und arbeitet in den Projekten AFETS und dist[ex]. Sie hat Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina studiert und verfügt über langjährige Erfahrung in der phänomenübergreifenden Extremismusprävention und politischen Bildung. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen auf Antifeminismus, autoritärer Männlichkeit, der Incel-Szene sowie der Rolle sozialer Medien in Radikalisierungsdynamiken.




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