AUTORITÄRE MÄNNLICHKEIT, ANTIFEMINISMUS UND INCEL-CODES: WAS JUGENDLICHEN ONLINE BEGEGNET
- Stefan Meingast
- 2 days ago
- 7 min read

Digitale Räume haben in den vergangenen Jahren für viele Jugendliche eine zentrale Rolle in der Identitätsbildung übernommen und physische Orte teils in diesem Zusammenhang in den Hintergrund gedrängt. Während Subkulturen wie Punks oder Skinheads früher im öffentlichen Raum durch Kleidung, Symbole und Auftreten sichtbar wurden, entstehen Zugehörigkeiten heute häufig in vernetzten Online-Umgebungen. Das verändert auch die Bedingungen, unter denen junge Menschen Geschlechterrollen und gesellschaftliche Werte wahrnehmen, aushandeln und einordnen (Wagner, 2024). Eine Ursache für diese Abwanderung ist auch der zunehmende Rückzug aus einem durch Regeln und Überwachung als eingeschränkt empfundenen öffentlichen Raum. In dieser digitalen Isolation spielen Algorithmen eine gewichtige Rolle: aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Jugendliche auf Plattformen wie TikTok oder YouTube Shorts bereits nach kürzester Nutzungsdauer mit frauenfeindlichen Inhalten aus dem Umfeld der sogenannten Manosphere konfrontiert werden können (Baker et al., 2024).
Eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit diesen Themen ist notwendig, da die Manosphere und ihre Radikalisierungstendenzen längst kein reines Online-Phänomen mehr sind, sondern das soziale Klima in Bildungseinrichtungen durch den Anstieg verbaler Aggression und polarisierender Geschlechterhierarchien bereits beeinträchtigen (BAG, 2025). Da Jugendliche online vermehrt mit frauenfeindlichen Inhalten konfrontiert werden, ist die Dechiffrierung dieser Weltbilder entscheidend, um eine (pädagogische) Sprach- und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Nur wer die ideologischen Verflechtungen und die kodierte Sprache versteht, kann die subjektiven Ursachen hinter problematischen Verhaltensweisen erkennen und wirksame Maßnahmen gegen die schleichende Normalisierung von Frauenhass setzen. Dieser Artikel beleuchtet daher die Hintergründe dieser Dynamiken und schließt am Ende mit konkreten Handlungsanweisungen für die tägliche Praxis von Pädagogen.
Das ideologische Bindeglied: Autoritäre Männlichkeit und Antifeminismus
Der Begriff der autoritären Männlichkeit (oft als toxische Männlichkeit bezeichnet) beschreibt ein Modell, das auf Dominanz, Kontrolle und der konsequenten Abspaltung von Emotionen wie Trauer, Angst oder Verletzlichkeit basiert. In diesem Weltbild gilt oft vorwiegend Wut als legitimes männliches Gefühl. Ein zentraler Treiber ist hierbei ein ausgeprägter Autonomiewahn, der paradoxerweise mit einer tiefsitzenden Angst vor Abhängigkeit gegenüber Frauen einhergeht: Männliche Identität muss in diesem System ständig durch Härte und Überlegenheit bewiesen werden, um nicht in eine als „weiblich“ oder „schwach“ markierte Position abzusinken. Dieses psychologische Korsett wird in der Forschung oft als Man Box bezeichnet, in der Jungen unter ständigem Druck zur Selbstversicherung stehen (Scambor, 2024).
Antifeminismus - begriffen als Identitätspolitik für hegemoniale Männlichkeit, die auf die Absicherung patriarchaler Privilegien durch die Naturalisierung von Ungleichheit abzielt (Frick, 2023) - bietet ein attraktives Deutungsmuster an, wenn Jugendliche erleben, dass sie diesen rigiden Anforderungen nicht entsprechen können oder in einer krisenhaften Welt verunsichert sind. Nach der wegweisenden Analyse von Juliane Lang fungiert der Antifeminismus als ideologischer „Kitt“ (oder Brückennarrativ), der persönliche Kränkungserfahrungen in kollektiven Frauenhass übersetzt und so eine gefährliche Anschlussfähigkeit zwischen der gesellschaftlichen Mitte und extremistischen Spektren herstellt (Lang, 2015). Die Kernbotschaft lautet: Nicht das einengende Männlichkeitsbild ist das Problem, sondern der Feminismus, der die „natürliche Ordnung“ zerstört habe und Männer systematisch unterdrücke. Dabei werden oft bedrohliche Szenarien konstruiert, wie etwa der „Niedergang der Nation“ oder eine vermeintliche Umerziehung durch eine sogenannte „Gender-Ideologie“ (Kemper, 2024).
Diese Ideologie ist häufig mit weiteren Diskriminierungsformen verschränkt. Antifeminismus dient als Einfallstor für Rassismus und Antisemitismus, etwa durch Erzählungen, nach denen Gleichstellung ein Instrument einer vermeintlichen Weltelite zur Schwächung des Volkes sei. Eine spezifische Synthese findet sich zudem in der muslimischen Red-Pill-Szene: Hier werden Manosphere-Inhalte mit religiösen Narrativen verknüpft, um eine „wahre“ Männlichkeit gegen eine als „verweichlicht“ wahrgenommene westliche Gesellschaft zu legitimieren (Aytekin, 2024).
Der Incel-Code: Dechiffrierung einer digitalen Subkultur
Die radikalste Ausprägung innerhalb der Manosphere findet sich in der Incel-Subkultur (Incel: involuntary celibate – unfreiwillig zölibatär), die von der Fachwelt als ein misogyn geprägtes Online-Milieu eingestuft wird, das schwer einem einzelnen Extremismusbereich zuzuordnen ist (Schindler, 2026). Ihre Anhänger finden über die Unfähigkeit zusammen, sexuelle Beziehungen aufzubauen, und machen Frauen kollektiv dafür verantwortlich. Dabei nutzen sie eine hochgradig kodierte Sprache, die zunehmend in den allgemeinen Jugendslang einsickert und dort Abwertungslogiken normalisiert. Ein zentrales Element ist die Pillen-Metaphorik: Während die Blue Pill abwertend für die Perspektive der sogenannten „Normies“ steht, die an eine im Kern faire Gesellschaft sowie an Gleichberechtigung glauben und in der bequemen Illusion verharren, dass Faktoren wie Persönlichkeit, Charakter oder Fleiß entscheidender für den Erfolg seien als das bloße Aussehen, beschreibt die Red Pill das vermeintliche Erwachen zur „Wahrheit“ über die systematische Unterdrückung von Männern. Die Black Pill wiederum markiert einen biologischen Fatalismus: Wer nicht mit den „richtigen Genen“ geboren wurde, sei dauerhaft zum Scheitern verurteilt, was oft in eine Abwärtsspirale aus Selbsthass mündet (Kracher et al., 2021).
Menschen werden in diesem System in starre Hierarchien eingeteilt, die durch spezifische Archetypen markiert werden. Der Chad stellt das überlegene, muskulöse Ideal des sexuell erfolgreichen Mannes dar, während Stacy und Becky Frauen nach ihrer vermeintlichen Attraktivität kategorisieren. Während die Stacy als unerreichbares, hyperattraktives Ideal gilt, wird die Becky als Durchschnittsfrau definiert, die sich laut Incel-Ideologie mangels Alternativen mit weniger attraktiven Männern zufriedengeben muss. Das männliche Gegenstück zum Chad bildet der Beta: Er wird als uncharismatischer Durchschnittsmann charakterisiert, der von Frauen angeblich lediglich für seine Rolle als materieller Versorger ausgenutzt wird, während diese insgeheim weiterhin den Chad begehren. Der Begriff Sigma beschreibt wiederum den erfolgreichen „einsamen Wolf“, der sich außerhalb sozialer Hierarchien wähnt. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass Jugendliche diese Begriffe oft sehr unterschiedlich füllen – ein Sigma kann für sie auch schlicht jemand sein, der hilfsbereit ist oder seine Grenzen kennt (Kracher et al., 2021).
Begleitend dazu findet eine systematische Dehumanisierung von Frauen statt, etwa durch Begriffe wie foid oder femoid (Kurzformen von female humanoid, um Frauen den Status als vollwertige Menschen abzusprechen). Diese Inhalte werden oft durch Humor und Ironie getarnt. Strategien wie „Shitposting“ verharmlosen Misogynie als bloßen Witz, was eine kritische Einordnung erschwert, da Widerspruch schnell als humorlos oder „cringe“ abgetan werden kann. Diese Normalisierung führt zu einer schleichenden Verschiebung des Sagbaren, in der sexistische Abwertungen im Alltag oft unwidersprochen bleiben (BAG, 2025).
Warum die pädagogische Perspektive entscheidend ist
Obwohl sich die beschriebenen Online-Subkulturen primär im digitalen Raum organisieren, manifestieren sich ihre Auswirkungen direkt im analogen Alltag von Bildungseinrichtungen und Jugendzentren. Wenn Algorithmen mit extremen Inhalten die Erziehung mitgestalten, entstehen Spannungsfelder, die das soziale Klima vergiften und neben Eltern vor allem pädagogische Fachkräfte vor neue Herausforderungen stellen. Es geht hierbei nicht nur um individuelle Einzelfälle, sondern um den Schutz einer demokratischen und respektvollen Gesprächskultur, die durch die Normalisierung misogyner Sprache untergraben wird. Eine professionelle Antwort ist daher notwendig, um betroffene Mädchen und LGBTQIA+-Personen zu schützen und gleichzeitig Jungen alternative Identitätsentwürfe anzubieten (Wagner, 2024).
Pädagogisches Handeln in diesem Feld erfordert eine professionelle Balance zwischen dem Verstehen subjektiver Bedürfnisse und dem konsequenten Schutz vor Diskriminierung. Hier ein paar Ansätze zur Einordnung und Intervention:
Wertschätzende Neugier statt Abwertung: Begegnen Sie Jugendlichen mit Interesse an ihrer digitalen Lebenswelt. Statt Inhalte sofort zu verurteilen, fragen Sie nach: „Was fasziniert dich an diesem Influencer?“ oder „Welches Gefühl gibt dir dieses Video?“.
Differenzierung wahren: Unterscheiden Sie zwischen bloßer jugendlicher Provokation, dem Wunsch nach Anerkennung in der Peergroup und einer echten ideologischen Radikalisierung. Nicht jede Nutzung von Szenecodes deutet auf ein geschlossenes extremistisches Weltbild hin.
Systemische Fragetechniken nutzen: Regen Sie durch gezielte Fragen Perspektivwechsel und Selbstreflexion an:
Zirkuläre Fragen: „Was glaubst du, wie ein Mädchen in deinem Alter dieses Video wahrnimmt?“
Reframing: „Gegen welches Gefühl von Ohnmacht oder Verletzlichkeit versuchst du dich durch dieses Auftreten vielleicht zu schützen?“
Skalierungsfragen: „Auf einer Skala von 1 bis 10, wie sehr fühlst du dich durch die Erwartung, immer stark sein zu müssen, unter Druck gesetzt?“
Unverrückbare Grenzen und Betroffenenschutz: Die Solidarität mit Mädchen sowie LGBTQIA+-Personen markiert die Grenze jeder pädagogischen Neugier. Institutionelle Schutzkonzepte müssen sicherstellen, dass Diskriminierung und digitale Gewalt niemals als akzeptable „Meinung“ geduldet werden.
Förderung von Caring Masculinities: Stärken Sie alternative Männlichkeitsbilder, die Empathie, Bezogenheit und das Anerkennen eigener Verletzlichkeit als Stärken begreifen. Entlasten Sie Jungen vom massiven Druck, sich ständig durch Dominanz und Härte beweisen zu müssen.
Medienkompetenz und Ambiguitätstoleranz: Helfen Sie Jugendlichen, die Marktlogik hinter Manfluencern zu durchschauen, die Unsicherheiten gezielt in Profit verwandeln. Ziel ist die Fähigkeit, die Komplexität der Welt auszuhalten, ohne in einfache Feindbilder zu flüchten.
Handlungssicherheit gewinnen – Das Projekt AFETS
Antifeminismus und autoritäre Männlichkeitsbilder gefährden das soziale Klima und die demokratische Kultur. Das Erasmus+ Projekt AFETS informiert über diese komplexen Dynamiken und bietet wissenschaftlich fundierte Hilfestellungen für den Bildungsalltag an. Neben praxisnahen Materialien, die Fachkräfte befähigen, Online-Narrative sicher einzuordnen, umfasst das Angebot spezifische Trainings und Workshops. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der individuellen Unterstützung: AFETS bietet Coachings für Schulen und Lehrkräfte an, um passgenaue Lösungen für spezifische Herausforderungen im Klassenzimmer oder im Kollegium zu entwickeln. Durch die Bereitstellung von Methoden wie systemischen Fragetechniken hilft das Projekt dabei, die Kluft zwischen digitaler Realität und pädagogischer Praxis nachhaltig zu überbrücken.
Literaturverzeichnis:
Aytekin, Vildan (2024): Incel-Subgruppen und ihre Dynamiken innerhalb der Mannosphäre. Eine explorative Analyse zu muslimischen „Red Pill“- Communitys und Mincels. KN:IX Analyse #18. Berlin: ufuq.de.
Baker, Catherine / Ging, Debbie / Brandt Andreasen, Maja (2024): Recommending Toxicity. The Role of Algorithmic Recommender Functions on YouTube Shorts and TikTok in Promoting Male Supremacist Influencers. Dublin: DCU Anti-Bullying Centre.
BAG - Bundesarbeitsgemeinschaft »Gegen Hass im Netz« / Textgain (2025): Tracing Online Misogyny. Eine Analyse misogyner Ideologien und Praktiken aus deutsch-internationaler Perspektive. Berlin: Das NETTZ gGmbH.
Frick, Angela (2023): Männerräume 2.0. Von roten Pillen, der Manosphere und dem Internet als Brutkasten antifeministischer Einstellungen. E-Paper der Reihe: Was ist eigentlich Antifeminismus? Berlin: Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung
Kemper, Andreas (2024): Antifeministische Narrative. Ein Diskursatlas. Berlin: Gunda-Werner-Institut in der Heinrich-Böll-Stiftung.
Kracher, Veronika / Rahner, Judith / Glaser, Enrico (2021): Frauenhassende Online-Subkulturen. Ideologien – Strategien – Handlungsempfehlungen. Berlin: Amadeu Antonio Stiftung.
Lang, Juliane (2015): Familienpopulismus und Antifeminismus als Kitt zwischen extremer Rechter und ›Mitte der Gesellschaft‹. In: Amadeu Antonio Stiftung / LSVD (Hrsg.): Respekt statt Ressentiment. Strategien gegen Homo- und Transphobie. Dokumentation des Kongresses vom 1. und 2. Juni 2015. Berlin.
Scambor, Elli (2024): Was haben traditionelle Männlichkeitskonzepte mit Gewalt und Caring Masculinities mit Gewaltprävention zu tun? In: Knes, Dominik / Scambor, Elli (Hrsg.): Geschlechterkonzepte von Burschen und jungen Männern. Graz: Verlag für Jugendarbeit und Jugendpolitik Graz.
Schindler, Saskia (2026): dist[ex] Policy Paper Nr. 5: Incels und ihre Bedeutung für die Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit. Berlin: Interdisziplinäres Zentrum für Radikalisierungsprävention und Demokratieförderung e. V. (IZRD).
Wagner, Lukas (2024): Toxische Männlichkeit auf Social Media begreifen und begleiten. In: Knes, Dominik / Scambor, Elli (Hrsg.): Geschlechterkonzepte von Burschen und jungen Männern. Graz: Verlag für Jugendarbeit und Jugendpolitik Graz.

Stefan Meingast is Co-founder and Chair of SCENOR. He holds an MA in Political Science from LMU Munich and a diploma in International Relations from the Diplomatic Academy of Vienna. He is responsible for SCENOR’s strategic direction, coordinates the team’s work on extremism, terrorism and radicalisation, and oversees key processes in project implementation and resourcing. His work combines academic expertise with applied practice, including targeted training for schools and practitioners.



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